Presseberichte Hanno Edelmann 1980 - 1989
Bilder und Plastiken von Hanno Edelmann
Die Welt ist ein großes Theater
Von ALFRED MÜLLER-GAST
Das kleine und das große Welttheater, in dem Menschen die Haupt- und auch die Nebenrollen zu spielen haben - Hanno. Edelmann inszeniert es noch immer in einer Fülle von Szenen auf seinen Leinwänden und Papierblättern. Zum dritten Male seit 1977 gibt die EP-Galerie in einer Einzelausstellung einen großen Einblick in das Schaffen des Hamburger Malers, der inzwischen auch zum Bildhauer geworden ist. /
Und diese Menschen sind nicht fröhlicher geworden, da ihr Schöpfer vom Jahrgang 1923 inzwischen das sechste Lebensjahrzehnt vollendet hat. Nur selten geht ein Lächeln über ihre Gesichtszüge. Einsamkeit herrscht vor und Melancholie, mögen auch die Hintergründe unruhiger geworden sein.
Und die großen oder kleinen Harlekine, als Marionetten oder Handpuppen, in ihren Karo- oder Rautenkostümen sind mehr als schmückende Zutaten, genauso wie die Masken, Vögel, Hunde, Tierschädel oder Musikinstrumente. Wenn Edelmann seine Menschen in die Szene setzt und als bildender Künstler gezwungenerweise erstarren läßt, will er auch sichtbar machen, was sie denn bewegt.
Was in dieser neuen Auswahl überrascht, ist nicht allein die Unruhe, die sich wie kaum zuvor hinter diesen menschlichen Akteuren bemerkbar macht. Der Stoff -womit hier ganz schlicht Textilien gemeint sind - spielt eine offenbar neue und große Rolle in diesem Welttheater. Als Vorhänge oder Gewänder drapiert Edelmann sie immer wieder sehr malerisch aber streng in geradezu gotischem Faltenwurf. Der Blick nach draußen durch Fenster oder Türen - ein immer wiederkehrendes Motiv - wird in seinem Gemälde „Torero" durch monumentale Stoffbahnen nur noch einen Spalt breit freigegeben.
Hanno Edelmanns Plastiken, mit denen er sich seit anderthalb Jahren die dritte Dimension erarbeitet, sind ebenso auf den Menschen begrenzt. Und es ist erstaunlich, wie sicher er auch die greifbare Form beherrscht. Aber da hier der Blick auf das Wesentliche maßgebend ist, alles Beiwerk wegfallen muß, nehmen sich seine Bronzen oder Gipsentwürfe vor seinen Bildern konzentrierter aus. Auch sie erscheinen gotisch gestreckt, sind aber noch einsamer in ihrer Isolation, wirken menschlicher, da ihnen die inszenierte Kulisse fehlt.
Und wenn „Adam mit der Schlange liebäugelt" ist diese ein weibliches Wesen hinter dem Vorhang, vor dem das erste Menschenpaar sitzt. Und alles ist nur 29 Zentimeter hoch.
NRZ vom 20.12.1983
Bronzearbeiten
EP-Galerie zeigt Hanno Edelmanns Werke
Die Einzelausstellung des Hamburger Malers, Grafikers und Bildhauers Hanno Edelmann ist in der ersten Etage der EP-Galerie. Wer sie besuchen will, muß gleich über die Treppe neben der Eingangstür nach oben gehen; bleibt er im Erdgeschoß, dann wird für Edelmann vermutlich nur noch wenig Zeit bleiben, und das wäre schade, weil diese Einzelausstellung zum 60. Geburtstag des Künstlers manches zum ersten Mal in voller Klarheit erkennbar werden läßt.
So sind in Düsseldorf jetzt erstmalig eine stattliche Anzahl seiner Bronzearbeiten zu sehen. Einiges ist so neu, daß nur das Gipsmodell ausgestellt ist Man kann sagen, daß Edelmann als Bildhauer seine Zeichnungen, Graphiken und, Gemälde ausschnittweise ins Dreidimensionale überträgt und den Personengruppen so eine eigenständige Wirkung gibt. Am ansprechendsten: die Bronzen „Eva mit der Schlange liebäugelnd" und „Der Trommler".
Edelmann hat in zwei Bildern auch das weltweite Engagement Johannes Pauls II. dargestellt. Er zeigt den Papst auf dem Stuhl Petri sitzend; sein Mantel reicht auf den Boden. In seinen Falten liegt ein Säugling. Die Absage des Papstes an Geburtenregelung und Abtreibung soll so deutlich gemacht werden . Um den Papst herum ist alles Elend dieser Erde sichtbar, dem Johannes Paul II. auf seinen Reisen begegnet. Selbst der Teufel taucht auf freilich nur als Marionette in der Hand eines Menschen. Das andere Papstbild ist eine Pieta aus unseren Tagen. Der Papst neigt sich mitleidig herab zu zwei Menschen, von denen der Stärkere den Schwächeren in den Armen hält.
Ein Gemälde heißt „Solidarität". Es zeigt vor dem Vorhang einer Bühne, der nur halb zur Seite gezogen ist, einen Bischof. Im Hintergrund stehen die polnischen Arbeiter, einmal einer, einmal zwei. Für uns im Westen sind meist nur die Kirchenmänner deutlich sichtbar, die den Kampf der Arbeiter publik machen und unterstützen.
Ein anderes Bild heißt „Ein bißchen Frieden". Es zeigt u.a. einen Zeitungsausschnitt, der bruchstückhalt Einblick gibt in die Diskussion, die zur Zeit viele Menschen beschäftigt.
Hanno Edelmann gehört sicherlich zu den technisch perfektesten Künstlern unserer Tage. Er hält Herz und Verstand offen für die Nöte dieser Welt, aber auch für ihre Schönheiten, ihre Reize, (bis 23. Dezember)
Max Metzger
WZ vom 29.11.1983 zurück
Ein bekannter Sammler sagte uns einmal: Malen ist einfach. Ich habe mir eine Staffelei, Farben, Pinsel und Leinwand gekauft. Man muß eigentlich nur wissen, wo die Farben hinkommen sollen: Das ist alles ." Ein 1o jähriges Mädchen meinte in einer Diskussion, in der kluge Gedanken über das Thema - was ist Kunst - geäußert wurden :" Kunst ist, was selten einer kann ."
sieht nicht alles so einfach, so selbstverständlich aus, wenn man das fertige Bild vor sich hat ?
Jedes Bild ist ein Abenteuer. Kein weg muß der richtige sein, aber jeder führt in Neuland. Mancher Irrweg kann sich später als der bessere erweisen. Woher kommen die Themen, die Motive ? Sie ergeben sich fast von selbst. Alles entsteht aus Empfindungen, dem Gefühl, Phantasie, Erlebnissen und Reflexionen. Jeder empfindet jeden Tag anders , weshalb sich auch die Bilder und Plastiken ständig entwickeil und verändern müssen. Vielleicht ist ein Bild nie fertig, aber irgendwann hört der Maler auf zu malen daran, es beginnt sich zu verselbständigen. Auch gesellschaftliche und politische Ereignisse unserer vibrierenden Zeit spiegeln sich in manchen Arbeiten. Immer aber ist das Wie wichtiger als das Was. liebe gehört zur Malerei. Wer nicht mi1 dem Herzen malt, dringt nicht ein in die Geheimnisse dieser wunderbarsten Ausdrucksform des Menschen neben Musik und Poesie. Aber einfach ? Nein, einfach ist das Malen nicht. Diese Arbeit ist hart bis zur Erschöpfung. Sie ist Kampf, auch gegen sich selbst.
Hanno Edelmann, 1984
In der Entwicklung meines Werkes ging es mir in erster Linie darum, das mir im zweiten Weltkrieg verlorengegangene Bild des Menschen wiederzufinden. Als Frucht eines spontanen Dranges, einer tiefen Wahrheitsliebe und eines Bildungsprozesses, der durch eine innere Betrachtung zu den Werten des Geistigen führte, war ich davon besessen, den unfaßbaren Traum greifbar zu machen. Gegen Ende des ersten Jahrzehnts nach dem Studium begann sich eine Leidenschaft zu einer erweiterten Dimension abzuzeichnen, die Farbe abzugrenzen mit breiten und harten Konturen als Gegengewicht zu der immer weiter um sich greifenden ungegenständlichen Malerei. Die vorher schmalen, langgestreckten Figuren behaupteten sich nun mit Vehemenz im Raum. Die Füße mußten weiterhin nackt bleiben auf dieser Suche nach dem Menschenbild, bestrebt, die Erde wieder zu fühlen. Die Anfangs leuchtenden Farben wiohen einer gedämpften Stille von schwerblütiger Intensität. Melancholie als Folge der Erkenntnis einer dunklen Zukunft und einer Fülle der Erinnerungen änderten auch die Motive. Damit ergab sich eine neue Wirklichkeit als eine Art forschender Spiegel der Seele. Die Beherrschung der Technik machte keine Schwierigkeiten. Aus der Atmosphäre der Zurückgezogenheit, den gedämpften Lichtern der Interieurs dieser zweiten Periode brach die Malerei aus in eine breit angelegte Scene von den Raum bis zum. Bersten ausfüllenden, wuchtigen Gestalten mit Umkehrungen der Gefühlswerte und Spuren, mit der Bestrebung, die Reichhaltigkeit des Lebens zu reduzieren auf die Komplexität des Einzelnen. Durch andere Malmaterialien veränderten sich die Ausdrucksmöglichkeiten. Tempera gab diesen Bildern eine transparente Transzendenz. Jedes Bild schien eine Enthüllung des geheimnisvollen Wunders der Existenz zu werden mit der verborgenen Resonanz der Mehrwertigkeit dieses Prozesses. Diese komplizierte Malweise brachte ein Spiel von permanenten Brechungen in die nun auch noch durch eingefügte andere Materialien bereicherte Bildwelt. Die Fläche wurde durchbrochen, ohne ihre Eigegngesetzlichkeit gänzlich zu verlieren. Eine neue Plastizität vermittelte ein anderes Raumgefühl. Die Bilder füllten sich zusehends mit Gestalten, was dieser Periode ein besonderes Gepräge gab. Im aufregenden Klima der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, im Vibrieren der Möglichkeiten eines Aufbruchs einer neuen Kultur und ihres Zerbrechens gleichermaßen, entstanden nun engagierte Bilder von drängender Forderung. Neigungen aus der eigenen Jugend zur Aesthetik der Farben fanden im Nachdenken über die Tradition der Malerei bei den Impressionisten, vornehmlich bei Manet, reiche Nahrung. Manet vermittelt zudem eine starke kompositorische Komponente, die weit über die Darstellung einer Manier und der sichtbaren Realität hinausgeht. In diesem Vergleich wurde die eigene Malerei überprüft. Poetische Aspekte sowie musikalische beherrschen diese zeitweise und bereichern die Stilmittel, um die Wirksamkeit der eigenen künstlerischen Zwecke zu steigern. Sie liegen aber weitab von exotischen Sehnsüchten, Dinge und Menschen gewinnen eine erweiterte Dimension. In der Beziehungsfülle der Welt gegenüber verschmelzen die Gestalten mit dem Ganzen zu einem harmonischen, vielschichtigen Bild/ das durchdrungen ist vom Gefühl der Menschlichkeit, eine neue Schönheit ausströmt und bei aller Flüchtigkeit doch an Leuchtkraft und Intensität gewinnt. Die Fähigkeit, Wahrnehmungen des Auges und Eindruck dos Herzens zu vereinen und in Bilder zu transponieren, verleihen inner eine vibrierende Realität, die weit über etwas Vorübergehendes hinausgeht und zu etwas Bleibendem macht.
Hanno Edelmann, 1984
Einer, der unbeirrt von Strömlingen seinen Weg geht
Er hat sich während der letzten zehn Jahre in Hamburg rar gemacht: Wohl die Reaktion auf den „offiziellen Kunstbetrieb" der Hansestadt, der ihm vermeintlich nicht gewogen schien. Die Freunde der Kunst Hanno Edelmanns, und deren Zahl ist wahrlich nicht gering, mußten teils weite Wege machen, um die Arbeiten nicht nur im beeindruckenden Rahlstedter Atelier, sondern auch in Ausstellungen jenseits deutscher Grenzen zu betrachten. Seit 1977 wird Edelmann von der Düsseldorfer EP-Galerie vertreten. Nun hat die Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank als Förderer sozusagen das Comeback des einstigen Schülers von Willem Grimm in der Heimatstadt initiiert. Großzügig ist die Ausstellung im Verwaltungsgebäude Rosenstraße 2 arrangiert: Weit über hundert Gemälde, Zeichnungen, Plastiken und graphische Blätter bezeugen das schöpferische Spektrum und die Schaffensfreude des jetzt 61jährigen Künstlers. Die mäzenatischen Wünsche für den Erfolg der „Wiederkehr" spricht Karlheinz Soesters, der Vorsitzende des Vorstandes, im Katalog aus. Der Mann vom Fach, Hanns Theodor Flemming, hebt einführend hervor: „Hanno Edelmann gehört heute zu den seltenen Künstlern, die ihren Weg unbeirrt durch vermeintlich aktuelle Strömungen in selbstgewählter Stille gehen, allein ihrem bildnerischen Impuls, ihrem inneren Auftrag und der sie voll und ganz erfüllenden humanen Botschaft verpflichtet".Orientiert ist diese Botschaft an einem dem Vorbild Oskar Kokoschka entlehnten Leitwort: „Kunst in allen großen Zeiten entspringt einem inneren Triebe der Naturverehrung, der im Einklang mit der Würde steht, die der Mensch in sich selbst besitzt". In der Spannweite von Mythos und Realität, akzentuiert mit Symbolen wie Rose, Geige und Tierschädel, König und Marionette, Harlekin, Maske und Spiegel, Sonne und Mond werden die Hauptthemen Mensch und Landschaft variiert: Das Drama Mensch wird mehr und mehr landschaftlich ornamental eingebettet. Schönheit spielt mit Frauengestalten geheimnisvoll hinein. Mit Zeitgenossen der Zunft (Wiener Schule, Wunderlich, Janssen) gibt es ironische Stelldicheins. Viele Aufenthalte in Griechenland und während der letzten Jahre vor allem Besuche in Venedig haben der Phantasie entscheidende Anstöße gegeben. Im „Großen Atelierbild", einer seiner jüngsten Arbeiten, stellt Edelmann sich dar im typischen Interieur, einem Ausschnitt seiner Welt.
Diese Ausstellung dauert bis zum 31. Juli. Eine parallele Edelmann-Ausstellung läuft in der Galerie Ruben in Mölln (Wolliner Weg 21).
pth
Hamburger Abendblatt vom 4.7.1985 zurück
Prof.Dr.HANNS THEODOR FLEMMING
Eröffnungsansprache zur Ausstellung
HANNO EDELMANN Malerei, Grafik und Plastiken
am Mittwoch, dem 8.Mai 1985 im DG HYP-Haus in Hamburg
Meine Damen und Herren!
Zu den im letzten Jahr entstandenen großformatigen Gemälden von Hanno Edelmann gehört ein Ölbild mit dem Titel "Selbst mit Wiener Künstlern", das den Maler in einer imaginären Runde mit vier berühmten Kollegen in surrealer Symbolik darstellt.» Ernst Fuchs hält eine Breker-Figur einfühlsam in der Hand, Alfred Hrdlicka ist in einer seiner blockhaften Skulpturen von unheimlicher Expressivität verschränkt, der sanfte Arik Brauer präsentiert in Salome-Gestus einen Teller mit dem Kopf von Joseph Beuys, und Friedensreich Hundertwasser geigt liebevoll mit einem Violinbogen, ohne daß ein Instrument sichtbar ist, wobei lichtes Grün aus seinem geheimnisvollen Tun hervorsprießt...
Die anspielungsreiche Selbstdarstellung spiegelt Edelmanns geistesverwandte Sympathie für solche Künstler, die unbeirrbar ihren eigenen Weg gehen, ihr Werk unabhängig von den herrschenden Trends entfalten und sich nicht in eine bestimmte Richtung einordnen lassen. Künstler, die sich nicht allein auf formale Probleme der Farbe und Komposition beschränken, sondern in ihren tieflotenden Werken eine in die Bereiche des Humanen und Kosmischen hinausweisende Botschaft an ihre Mitmenschen zu vermitteln versuchen. Eine Botschaft jedoch, die nicht als weltanschauliches Alibi für schlechte Malerei dient - wie das heute so häufig der Fall ist -, sondern sich ganz und gar in bildnerischen Formen von starker Eindringlichkeit und Aussagekraft manifestiert.
Bei aller Verschiedenheit von den genannten Wienern, die er meistens gar nicht persönlich kennt, gehört auch der Hamburger Hanno Edelmann zu den immer selteneren Künstlern, die ihren Weg unbeirrt durch vermeintlich aktuelle Strömungen verfolgen, allein ihrem bildnerischen Impuls und inneren Auftrag verpflichtet. Als vor 25 Jahren allerorts Tachismus und Psychografie, action painting und art informel die maßgebliche Kunstszene beherrschten, ließ sich Edelmann nicht von seiner betont figurativen Gestaltung ablenken, die das "Drama Mensch" zum Thema hatte, den Menschen und seine Umwelt, den Menschen und sein Fatum, den Menschen und die ihm immaneten Abgründe in Bildern und Zeichnungen vielschichtig veranschaulichte.
Wie ich schon in meinen beiden früheren Ansprachen zu Edelmann-Ausstellungen in Bielefeld 1961 und in Hamburg 1972 sowie auch in meinen Kritiken in der WELT seit 1955 betonte, blieben dennoch stets die für den Künstler entscheidenden Probleme der formalen Realisierung seiner Bildgedanken niemals außer Acht. Im Gegenteil: in Edelmanns durch die Themen Mensch und Landschaft geprägten Werken sin Ausdruck und Ausgewogenheit, Expression und Peinture eine ganz persönliche Symbiose eingegangen, in denen sich malerische und grafische Elemente seiner Studienzeit bei Willem Grimm mit den eigenen, in der Kunst, im Leben und im mediterranen Raum gewonnenen Erfahrungen paaren. Bevor ich zu den hier ausgestellten Arbeiten spreche, die Edelmanns Schaffen zum ersten Mal seit dreizehn Jahren in seiner Vaterstadt zeigen, noch ein paar Worte zu de Werdegang und Entwicklungsweg des Künstlers. Hanno Edelmann stammt aus einer Familie, in der es eine Reihe bekannter Musiker gab. Schon im Alter von sechs Jahren erhielt er den ersten Violin-Unterricht, fast gleichzeitig begann er mit Begeisterung zu zeichnen und zu modellieren. Wie Paul Klee schwankte er lange Zeit zwischen Musik und Malerei, ehe er sich - nach eigenen Angaben bereits mit elf Jahren - für den Halerberuf entschied, nicht ohne häusliche Widerstände zu überwinden. Zu einem entscheidenden Ereignis für seine Auffassungen vom Leben in unserer Welt wurde für ihn der Zweite Weltkrieg, den er als Soldat von 1941 bis 1944 in Frankreich und Rußland mitmachte und anschließend von 1944 bis 1948 als Kriegsgefangener in Sibirien auf bittere Weise erlebte. In Rußland entging Edelmann dem Tode durch Erschießen nur um Haaresbreite. In den harten Jahren der Gefangenschaft begann er unter schwierigsten Umständen wieder bildnerisch zu arbeiten. Damals begann ein Weg, wie er mir in einer Skizze seines Lebens einmal schrieb, der teils grausam war in der Erkenntnis der eigenen Ohnmächtigkeit, teils außerordentlich glücklich in der Bewußt-werdung starker geistiger Kräfte. Auch viel später, als er nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft von 1948 bis 1952 an der Hamburger Kunsthochschule am Lerchenfeld bei Willem Grimm studierte, waren seine Studienjahre noch lange Zeit überschattet von den furchtbaren Kriegserlebnissen Im gefahrlosen Leben in der Heimat fand sich der Künstler zunächst kaum zurecht. Erst ganz allmählich gelangte er zu innerer Ausgewogenheit und eigener Formensprache. Nicht zuletzt wurde die Begegnung mit seiner Frau Erika, die selbst Malerei studiert hatte, dabei au einem wesentlichen Faktor Beide bilden bis heute - mehr als dreißig Jahre lang - auch in künstlerischer Hinsicht ein glückliches Team... Was seine Haierei und Grafik anbetrifft, so wurzelt Hanno Edelmann auf der einen Seite in den kantigen Formen des holzschnitthaften Expressionismus, auf der anderenSeite in einer höchst differenzierten Peinture, die ihm einst durch Willem Grimm vermittelt wurde und die er dann eigenständig weiterentwickelte. Seine Darstellungsweise umspannt einen weiten Spielraum von entlarvenden zeitkritischen Szenen bis zu malerischen Schilderungen einer ausgewogenen Welt der Spannung und Harmonie, der er auf vielen Reisen zunächst in Griechenland und später in Italien begegegnete und die ihm besonders auf Kreta und in Venedig wesentliche Anregungen gab. Doch nicht nur thematisch ist Edelmanns Schaffen weitgespannt. Auch in technischer Hinsicht umfaßt es ganz verschiedene Bildgattungen: Gemälde, Aquarelle, Radierungen, Holzschnitte, Farblithos und schließlich auch Plastiken in Gips und Bronze.
Den Schwerpunkt der hier ausgestellten Werke bilden die großformatigen Gemälde aus den letzten Jahren, in denen Edelmann einen neuen Höhepunkt seines bisherigen Schaffens erreicht. Sie sind von vielschichtigen ikonografischen Bildgedanken voller Hintergründigkeit und Symbolik erfüllt«
Jedes dieser Bilder hat eine lange Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte, die sich dem Betrachter nur in geduldigem Einfühlungsvermögen zu erschließen vermag. Doch auch schon auf den ersten Blick bieten sie ihm mancherlei fesselnde Aspekte, die aus der immanenten Magie der Figuren und Dinge und ihrer malerisch nuancierten Komposition resultiert.
Neben zeitkritischen Werken wie zum Beispiel "Gesellschaftsspiele" oder "Il Papa" finden sich rein malerische Huldigungen an die Schönheit und Harmonie wie der "Traum von Venedig" oder "Les Demoiselles", zwei junge Frauen auf dem Sofa mit einem Flair von Modigliani. Eine in "letzter Zeit entwickelte neue Gattung im Schaffen von Edelmann bilden seine Künstlerbildnisse, in denen er nicht nur die Betreffenden selbst darstellt, sondern auch seine eigenen Empfindungen zu deren Werk und Persönlichkeit. Das Gemälde mit dem Titel "Die Welt des Professors G."zeigt den heute achtzigjähriger Lehrer Willem Grimm mit den bezeichnenden Attributen eines jungen Modells, eines englischen Porzelanhundes und einer Rummelpottszene. Auch Paul Wunderlich und Peter Blake hat Edelmann treffend und anspielungsreich geschildert, den einen in seiner pophaften Pin-up- und Buttonwelt, den anden mit den Attributen Mädchenakt, Rose, Bullterrier, Fotolinse und Zettelkasten mit den Quellen seines spezifischen Manierismus. Die eigene Lebenswelt von Edelmann findet in dieser Auswahl - neben dem bereits genannten Selbstbildnis mit Wiener Künstlern - in Gemälden wie "Ganz in Blau" oder "Großes Atelierbild" ihren vielschichtigen Ausdruck, auf denen sein Frau, sein Hund, "Zettels Traum" von Arno Schmidt - eine Lieblingslektüre des Ehepaares - sowie ein Venedigbild auf der Staffelei und ein Pierrot hinter dem Vorhang auftauchen.
Obwohl Edelmanns Bilder auch mancherlei literarische Anspielungen enthalten, sind sie niemals literarisch im engeren Sinne. Stets geht es dem Künstler in erster Linie um die bildnerische Realisierung seiner Bildgedanken, der sich die jeweiligen Anlässe unterzuordnen haben.
Obwohl Edelmann vorwiegend ein Figurenmaler ist, der sich am stärksten im Ölbild und in der Grafik manifestiert, hat er auch ganz verschiedenartige Landschaften und Stilleben geschaffen, die in dieser Ausstellung besonders im Medium des Aquarells vertreten sind. In seiner Druckgrafik vereint der Künstler Altmeisterliches mit Expressivem, Motive aus dem Alten Testament mit surrealen Visionen oder Impressionen aus Venedig. "Wie Sie sich vielleicht erinnern, standen früher stark unter dem Eindruck unseres Griechenland-Erlebnisses", schrieb mir Edelmann am 16. April dieses Jahres in seiner großen kalligrafischen Handschrift auf Zeichenbögen. 'Seit 1979 erlebten wir nun aber Italien. Wir sind weit um-hergekommen in diesem Land, vor dem wir uns früher scheuten. Besonders Venedig, die erste italienische Stadt, die wir kennenlernten, wurde für uns sehr wichtig. Am Ende unserer letzten Reise nach Griechenland waren wir total enttäuscht von der Veränderung, die der Tourismus dort bewirkt hatte, kauften uns kurz entschlossen ein griechisch-italienisches Sprachbuch und lernten auf diese Weise die ersten Sätze, um uns wenigstens verständlich machen zu können. Und dann kam Venedig: eine Offenbarung. Was wir in Griechenland nirgends erlebten, überströmte uns nun. Hier galten Kunst und Künstler etwas. Bis Palermo wurde uns immer wieder Interesse und Freundschaft entgegengetragen. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich unter diesem neuen starken Eindruck auch die Arbeiten veränderten. Die vorher schweren Farben und Formen wichen einer helleren Palette und menschlicheren Figuren. Plastiken entstehen, wenn eine Idee nicht so gut durch Malerei realisiert werden kann, aber beide Formen können gegenseitige Anregung bedeuten..."
Im Jahre 1983 hat Edelmann vorwiegend Plastiken geschaffen. Auch inseinen Plastiken, die mit malerischem Empfinden modelliert sind, kommt seine motivische Vielschichtigkeit und Hintergründigkeit zum Ausdruck. Auch in ihnen finden sich metamorphosenreiche Anspielungen aus den Bereichen des Mythos, der Legende, der Dichtung und der Kunstgeschichte. "Adam und Eva", "Philemon und Baucis", der "Gestürzte Ikarus", "Franciscus und der Aussätzige", "Der große Mantel" - eine zeitgenössische Variante der Schutzmantelmadonna -, aber auch dreidimensionale Bildnisse von Rodin und Camille Claudel, von Beuys, Wunderlich und Horst Janssen bilden dafür fesselnde Beispiele, auf die ich abschließend hinweisen möchte.
Vor zwei Jahren schrieb Hanno Edelmann anläßlich einer großen Ausstellung seines Schaffens in Düsseldorf - in Hamburg waren seine Arbeiten seit 1972 nicht mehr öffentlich zu sehen !- die folgenden Worte, die für ihn, sein Wesen und sein Werk bezeichnend sind und mit denen ich meine Einführung beenden will:
"Frühe Träume erfüllen sich, das Alter reduziert Erwartungen, vertieft die Selbstkritik. Einsamkeit mit dem geliebten Menschen ist wichtiger als öffentlicher Ruhm. Freunde ersetzen ein Volk, das Kunst nicht braucht, sie nicht schätzt, als überflüssig empfindet.
Bescheidenheit ist Reichtum. Die Kunst ist absolut."
Einer, der unbeirrt von Strömungen seinen Weg geht
Er hat sich während der letzten zehn Jahre in Hamburg rar gemacht: Wohl die Reaktion auf den „offiziellen Kunstbetrieb" der Hansestadt, der ihm vermeintlich nicht gewogen schien. Die Freunde der Kunst Hanno Edelmanns, und deren Zahl ist wahrlich nicht gering, mußten teils weite Wege machen, um die Arbeiten nicht nur im beeindruckenden Rahlstedter Atelier, sondern auch in Ausstellungen jenseits deutscher Grenzen zu betrachten. Seit 1977 wird Edelmann von der Düsseldorfer EP-Galerie vertreten.
Nun hat die Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank als Förderer sozusagen das Come-back des einstigen Schülers von Willem Grimm in der Heimatstadt initiiert. Großzügig ist die Ausstellung im Verwaltungsgebäude Rosenstraße 2 arrangiert: Weit über hundert Gemälde, Zeichnungen, Plastiken und graphische Blätter bezeugen das schöpferische Spektrum und die Schaffensfreude des jetzt 61jährigen Künstlers. Die mäzenatischen Wünsche für den Erfolg der „Wiederkehr" spricht Karlheinz Soesters, der Vorsitzende des Vorstandes, im Katalog aus. Der Mann vom Fach, Hanns Theodor Flemming, hebt einführend hervor: „Hanno Edelmann gehört heute zu den seltenen Künstlern, die ihren Weg unbeirrt durch vermeintlich aktuelle Strömungen in selbstgewählter Stille gehen, allein ihrem bildnerischen Impuls, ihrem inneren Auftrag und der sie voll und ganz erfüllenden humanen Botschaft verpflichtet".-
Orientiert ist diese Botschaft an einem dem Vorbild Oskar Kokoschka entlehnten Leitwort: „Kunst in allen großen Zeiten entspringt einem inneren Triebe der Naturverehrung, der im Einklang mit der Würde steht, die der Mensch in sich selbst besitzt". In der Spannweite von Mythos und Realität, akzentuiert mit Symbolen wie Rose, Geige und Tierschädel, König und Marionette, Harlekin, Maske und Spiegel, Sonne und Mond werden die Hauptthemen Mensch und Landschaft variiert: Das Drama Mensch wird mehr und mehr landschaftlich ornamental eingebettet. Schönheit spielt mit Frauengestalten geheimnisvoll hinein. Mit Zeitgenossen der Zunft (Wiener Schule, Wunderlich, Janssen) gibt es ironische Stelldicheins. Viele Aufenthalte in Griechenland und während der letzten Jahre vor allem Besuche in Venedig haben der Phantasie entscheidende Anstöße gegeben. Im „Großen Atelierbild", einer seiner jüngsten Arbeiten, stellt Edelmann sich dar im typischen Interieur, einem Ausschnitt seiner Welt.
Diese Ausstellung dauert bis zum 31. Juli. Eine parallele Edelmann-Ausstellung läuft in der Galerie Ruben in Mölln (Wolliner Weg 21).
pth
Hamburger Abendblatt vom 4.7.1985 zurück
Sein Thema ist das „Drama Mensch"
Mehr als zwölf Jahres ist es her, seitdem man Werke des Hamburger Malers Hanno Edelmann (62) zum letzten Mal in seiner Vaterstadt sehen konnte. Eine umfassende Ausstellung seiner Malerei, Grafik und Plastik, die gegenwärtig in den Räumen der Deutschen Genossenschafts-Hypobank in der Rosenstraße stattfindet, führt nun das vielseitige Schaffen dieses in jeglicher Beziehung unabhängigen Künstlers vor Augen.
Zu Edelmanns in den letzten Jahren entstandenen großformatigen Arbeiten gehört ein Ölbild mit dem Titel „Selbst mit Wiener Künstlern", das den Maler in einer imaginären Runde mit vier berühmten Kollegen in surrealer Symbolik darstellt: Ernst Fuchs hält eine Breker-Figur in der Hand, Alfred Hrdlicka ist in eine seiner unheimlichen Figuren verschränkt, der sanfte Arik Brauer präsentiert in Salome-Gestik einen Teller mit dem Kopf von Joseph Beuys, und Friedensreich Hundertwasser geigt mit einem Violinbogen, ohne daß ein Instrument sichtbar ist, wobei lichtes Grün aus seinem geheimnisvollen Tun hervorsprießt.
Die anspielungsreiche Selbstdarstellung spiegelt Edelmanns geistesverwandte Sympathie für solche Künstler, die unbeirrbar ihren eigenen Weg gehen, ihr Werk unabhängig von den herrschenden Trends entfalten und sich nicht in eine bestimmte Richtung einordnen lassen. Künstler, die sich nicht allein auf formale Probleme der Farbe und Komposition beschränken, sondern eine in die Bereiche des Humanen und Kosmischen hinausweisende Botschaft an ihre Mitmenschen zu richten versuchen. Eine Botschaft jedoch, die nicht als weltanschauliches Alibi für schlechte Malerei dient, wie das heute so häufig der Fall ist, sondern in bildnerische Formen von starker Eindringlichkeit und Aussagekraft umgesetzt wurde.
Bei aller Verschiedenheit von den genannten Wienern, die er gar nicht persönlich kennt, gehört auch der Hamburger Edelmann zu den immer selteneren Künstlern, die ihren Weg unbeirrt durch vermeintlich aktuelle Strömungen verfolgen, allein ihrem bildnerischen Impuls und inneren Auftrag verpflichtet. Als vor 25 Jahren allerorts Tachismus und Psychografie, action painting und art informel die maßgebliche Kunstszene beherrschten, ließ er sich nicht von seiner betont figurativen Gestaltung ablenken, die das „Drama Mensch" zum Thema hatte: den Menschen und seine Umwelt, den Menschen und seine Spannungen und Abgründe.
Auch Edelmanns neue Gemälde sind von vielschichtigen ikonografischen Bildgedanken voller Hintergründigkeit und Symbolik erfüllt. Neben zeitkritischen Werken wie zum Beispiel „Gesellschaftsspiele" oder „Il Papa" finden sich rein malerische Huldigungen an die Schönheit und Harmonie wie der „Traum von Venedig" oder „Les Demoiselles", zwei junge Frauen auf dem Sofa mit einem Flair von Modigliani. Eine neue Gattung bilden seine Künstlerbildnisse, in denen er nicht nur die Betreffenden schildert, sondern auch seine eigenen Empfindungen zu deren Werk und Persönlichkeit (Willem Grimm, Paul Wunderlich, Peter Bla-ka u. a.).
Obwohl Edelmann vorwiegend ein Figurenmaler ist, hat er auch ganz verschiedenartige Landschaften und Stilleben geschaffen. In seiner Druckgrafik vereint der Künstler Altmeisterliches mit Expressivem, Motive aus dem Alten Testament mit surrealen Visionen oder Impressionen aus Venedig.
Neuerdings schuf Edelmann auch Plastiken, die mit viel malerischem Empfinden modelliert sind und Anspielungen aus den Bereichen des Mythos, der Legende und der Dichtung enthalten. (Bis 31. Juli.)
HANNS THEODOR FLEMMING
Die Welt vom 20.7.1985
Rückkehr eines Gekränkten
Dreizehn Jahre hatte er sich zurückgezogen; gekränkt von jenen, die meinen, im Kunstbetrieb das Sagen zu haben. Erst 1985 ließ Hanno Edelmann (63) sich wieder zu einer Ausstellung in Hamburg bewegen. Jetzt lädt er zur „Besichtigung von 40 Bildern aus vier Jahrzehnten". In Öl und Tempera, in Aquarellen, Holzschnitten und Plastiken spiegelt sich die Entwicklung eines „gegenständlichen" Künstlers, dessen zentrales Thema unverändert geblieben ist: der Mensch. Der Einsame und Außenseiter, verloren in einer Welt von Irrungen und Wirrungen .
Über Privates spricht er ungern („1923 in Hamburg geboren, malt seitdem"), berichtet dennoch, daß er schon als Zehnjähriger Kurse an der Kunsthochschule besucht hat. In der Schule fiel er durch Schnitzereien in die Pulte auf- im Zeichnen erhielt er die Note vier. Das erste Bild (1945) zeigt einen Aufseher, gemalt in einem sibirischen Gefangenenlager. Ölarbeiten aus der Zeit seines Kunststudiums (1948-1952) folgen. Eine Krankenschwester, die ihn nach der Gefangenschaft gesundpflegte, besorgt ihm die Farben.
Edelmann verweigert sich den „gewaltigen Verführungen" der aktuellen Kunst. „Ungegenständlich war erlaubt, der sichtbare Mensch war tot", erinnert er sich. Aber: „Der Krieg war vorbei, der Mensch lebte." Szenen vom „Hamburger Dom" entstehen, von „Wittenbergen". Als der Kunstverein 1956 die begabtesten Hamburger Jungmaler ausstellt, ist Edelmann dabei.
In den 60er Jahren feiert er seinen Durchbruch. Es beginnt die „Zeit, der schwarzen Männer", das Öl wird von Tempera und Mischtechniken ersetzt. Seine "überlangen, dünngliedrigen Figuren verwandeln sich zu wuchtigen Gestalten mit großen Händen und nackten Füßen. Graphisch wirkende Arbeiten der Folgezeit wurden fast alle verkauft. In den 80er Jahren hat sich Edelmann wieder einem malerischen Stil zugewendet. Gleich geblieben ist seine Signatur: ein (Edel-)Männchen hoch zu Roß.
RENATE RAMASAMY (Atelier Grubesallee 1, bis 29. Juni, Do. bis So. 16-20 Uhr)
Hamburger Abendblatt vom 20.6.1986
Rede zur Eröffnung der Ausstellung : Hanno Edelmann 4o Bilder aus 4 Jahrzehnten im Atelier Grubesallee 1 in Hamburg am 6. Juni 1986
lieber Hanno,liebe Erika,liebe Freunde.verehrtes Publikum!
In artfremden Räumen spricht ein artfremder Redner und noch dazu eine Rheinländerin.
Der Gipfel des Unmöglichen,wird der sachverständige Hamburger denken,eine Blamage für unsere Kulturstadt -der Kunstliebhaber.
Mit Recht!
Zu meiner Rechtfertigung kann ich nur sagen,daß ich mit diesen Bildern aufgewachsen bin und sie somit an meiner Erziehung teilhatten.
Zu der vielleicht als unwürdig empfundenen Umgebung ist zu bemerken,lieber feuchte Wände,als gar keine.
Wir,die ungeduldige Jugend,rissen verdrossen kleine Furchen in den Staubteppich,der das Farbspektrum der Bilder zu reinem Grau zusammenzog,und beschlossen,zu entstauben und zu zeigen. Als überzeugte Bewunderer der Edelmannschen Kunst habe ich mich oft gefragt,warum den Bildern so viel Zurückhaltung entgegengebracht wird. Sie sind ausdrucksvoll. Sie beanspruchen den Raum in dem sie hängen gleich wie den Menschen, der in ihm lebt. Nicht jeder Raum kann einen Edelmann beherbergen, nicht jeder Mensch duldet neben sich ein anderes starkes Element,besonders, wenn es sich dabei um Menschen handelt.
Mir scheint,daß es besonders das Thema Mensch ist,das den Raum so füllt und dem wir gerne ausweichen wollen.
Wir leben in einer übervölkerten Welt,wir suchen den Abstand und nicht die Auseinandersetzung mit dem Nächsten.
Hanno Edelmanns Bilder sind konkret und in jedem Zoll Bild steckt die ebenso sensible wie sperrige Person des Malers,die weder recht noch links guckt und ihren eigenen Weg- stur möchte man sagen -verfolgt.
Das Ergebnis ist dann,was man "einen echten Edelmann" nennt. Thematisch ist das umgesetzt,was den Maler bewegt,nicht das,was gefällt„ Es liegt in Hanno Edelmanns Natur,expansiv zu arbeiten.
Kleine Bilder sind eine Rarität,obwohl sie sich so nett über dem Fernseher machen. Auch der Hinweis auf den sozialen Wohnungsbau hat das Format nicht auf handliche Größen zwingen können.
Durch eine kontinuierliche Arbeit wurden verschiedene Techniken und Stile erobert, doch die Edelmannsche Handschrift ist durchgängig zu verfolgen.
Ich reagierte in meiner Jugend nicht immer mit Begeisterung,wenn aus den Bildersendungen Neues, Ungewohntes Zu Tage kam. Einmal waren es flache Berge mit Wachsmalstift gezeichnet-Griechenland- .Für mich waren Berge spitz und mit Wachsstiften konnte ich selber malen. Eine Enttäuschung.
Die expressionistische Malweise, die meine Kindheit begeisterte, prägte mich sicher am meisten.(leider sehen wir hier nur eine kleine Auswahl aus dieser Zeit, weil fast alle Bilder in privatem Besitz sind).
Mit dem Einzug in Rahlstedt verschwand die Ölfarbe, die jetzt zum Heizen verwendet wurde,und die Zeit der Temperabilder begann. Schwarze Männer betraten die Szene, sie wurden erst zur Liebe auf den 2.Blick. Als Wächter der Röntgen-Abteilung im Neusser Krankenhaus beunruhigten sie über Jahre Patienten und Personal, bis Flammen nach ihnen griffen. Erst bei ihrer Rettung fiel auf, daß man sie doch nicht missen wollte. Aus dieser Zeit sind speziell die schönen Holzschnitte zu nennen; ein Vertreter ziert ja jetzt die Hamburger Lattenzäune. Aber auch die Ölbilder strahlen in besonderem Maße Direktheit aus, darum stehen sie wohl auch so zahlreich unbeachtet in der Ecke.
Es folgt die Griechenlandzeit, in der der Maler so richtig aus dem Vollen geschöpft und sich nach allen Seiten ausgetobt hat, Von dieser Zeit haben wir vornehmlich Aquarelle ausgestellt, die Zeugnis von der Inspiration durch das südländische Klima geben. Nach dieser farbigen Zeit kamen eher besinnliche Jahre,in denen der Schatten der Weltpolitik mindestens eine Bildecke streifte. Zuletzt enstanden als neue Gestaltrichtung die vielen Plastiken -sie sprechen für sich.
Im Moment hat sich Hanno Edelmann wieder der Ölfarbe zugewendet. Ihre Leuchtkraft lädt ein zu neuen Experimenten. Wir warten gespannt, wohin sie Dich führen,Hanno ! Neben dem einzelnen Bild wollten wir mit dieser Ausstellung das ungewöhnliche Spektrum der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit des Künstlers Hanno Edelmann zeigen, wobei wir uns vorwiegend auf die Öl-und Temperabilder beschränkt haben.Holzschnitte,Lithografien, Radierungen, Aquarelle und jüngst die Plastiken entstanden immer parallel zu der Arbeit an den großen Bildern. Die Grundlage für die großen Werke, die Zeichnungen, tauchen gar nicht in der Öffentlichkeit auf, sie sind wohl Geheimbesitz der Familie!
Dadurch, daß Du unbeirrst von Geschmack und Meinung der Umwelt immer wieder nach neuen, eigenen Wegen gesucht hast, bist Du uns zum Vorbild geworden.
Wer nun Angst vor schwarzen Männern hat,dem empfehle ich einen tiefen Blick ins Glas , und der sollte vorsichtshalber nur mit Begleitung die oberen Gemächer betreten.
Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen!
Dr. Corinna Swart , Neuss
Edelmann ein Künstler auf der Suche nach Vollkommenheit
hgs Rahlstedt - Faszinierende Farben, kantige Konturen, Großformatiges, daneben winzig wirkende Skulpturen - die Vielfalt der Eindrücke könnte auf den ersten Blick verwirren. Doch bei näherem Hinsehen eröffnet sich dem Besucher der Ausstellung im Atelier Grubesallee l ein Einblick in die Arbeit eines Künstlers, wie er nur selten geboten wird. Hanno Edelmann öffnete das „Magazin" seiner vielen Bilder, ließ seinen Sohn Michael - wie er ein begabter Maler - die Auswahl treffen, und so kam es zu einer Zusammenstellung von Bildern aus vier Jahrzehnten, aus der das Ringen des Künstlers um den künstlerischen Ausdruck abzulesen ist. „Ich war mir oft drei Schritte voraus und mußte mich dann selbst wieder einholen", so umschreibt Edelmann sein Experimentieren, seine Suche nach Vollkommenheit.
Dabei war der gebürtige Hamburger schon längst ein „fertiger" Maler, als er, Kriegsgefangener in Sibirien, ein Porträt schuf. Es ist Teil dieser Ausstellung, mit der Natur abgewonnenen Farben auf Sackleinwand gemalt, hübsch anzusehen. Doch im Vergleich zu dem, was nach der Rückkehr aus dem Kriege folgte, könnte dieses Bild nur von intimen Kennern der Handschrift des Künstlers zugeordnet werden. So oft auch die Stilarten sich scheinbar verändern, scheint dennoch immer der „echte Edelmann" durch. Sehr viel deutlicher wird dies allerdings noch in des Künstlers graphischem Werk.
Edelmann malte gegenständlich auch in jenen Jahren, da die Zukunft angeblich nur noch dem Abstrakten gehörte. Doch er blieb sich immer treu. Die ungegenständliche Malerei, so meint er, könnte zwar zum ästhetischen Genuß werden, doch erschüttern könne sie den Menschen nicht. „Kunst aber darf nicht nur ästhetisches Erleben sein, sondern muß zum geistigen Erlebnis schlechthin werden."
Auf der Suche nach dem im Zweiten Weltkrieg verlorengegangenen Bild des Menschen entstanden so eindrucksvolle Werke wie „Staatsbegräbnis". Ein Trauerzug mit Pomp und Pracht, doch kalt und seelenlos, nur eine Schau jenseits aller Menschlichkeit. Dieser Eindruck wird mit technischer Raffinesse hervorgehoben: Die Prunkgewänder der Mitren sind nicht wie das übrige Bild in Tempera gemalt, sondern bestehen aus eingeklebten gefalteten Stoffen. Die Ehrenzeichen, die der offen zu Grabe Getragene auf seiner Brust trägt, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als eingearbeitete Zahnräder eines Uhrwerks.
Die Ausstellung ist noch bis Sonnabend, 21. Juni, zu sehen.
Hamburger Abendblatt vom 19.6.1986 zurück
Der Künstler hat das Wort
„Die Welt als Bühne, Theater, das scheinbar der Unterhaltung dient. Die Bühne, die aber in Wahrheit die ganze Welt zeigt. Eine Welt, die nicht erfreulich ist. Masken und Menschen in Verkleidung locken die fröhliche Gesellschaft in eine Welt des Scheins. Eine Groteske mit dem Blick auf das Grauen.
Commedia dell'arte als Aussagemittel und der Harlekin als Mahner. Über allem der Zauber venezianischer Stegreifkomödien. Nicht Schauspieler, nicht Stars, sondern namenlose Darsteller zeigen, was sie können. Jeder wählt sich seine eigene Rolle. Pantalone, il Dottore, l'arlecchino, Brighella, Rosina oder Rosaura beherrschen das Scenario. Jeder erfindet seine eigenen Monologe und Dialoge und bejubelt die Einfalle der anderen, die Schwächen der Nachbarn auf der Bühne darzustellen. Tage der Ausgelassenheit, Tage der möglichen Wahrheit. Ungebundenes Leben und Sorglosigkeit. Lärm und Witz, der Charmeur steht in der Gunst des Publikums, das den Narren liebt in der Phantasie.
Morgen beginnt wieder der Ernst des Lebens. Die Versuchung lauert an den Ecken im Zwiespalt der großen Liebe. Die Schulden werden vergessen. Pantalone zählt sein Geld und wirft ein paar Goldmünzen auf den Tisch für die Armen. Er war verloren und gerettet zugleich. Der Gondoliere muß seine Frau und die zahlreichen Kinder ernähren. Der Geiger war gekommen, die Sängerinnen verlassen geräuschvoll die Oper in ihren prächtigen Gewändern. Auch die Paläste am canale grande gleichen Kulissen, auch sie tragen Masken, hinter denen sich Komfort und Annehmlichkeiten nur den Mächtigen bieten. Das kecke Stubenmädchen hat keinen Anteil daran, keine nostalgischen Gefühle ändern ihr Zimmer zum finsteren Hof, Höhlen ohne Licht mit Luft seit Jahrzehnten. Kälte und Feuchtigkeit in den Monaten des Winters sind die größten Plagen heute noch wie einst die Pest.
Eine Strafe für diese märchenhafte Stadt in der Lagune, die gebaut wurde auf abertausend Pfählen mitten im Meer? Die schönste Stadt der Welt mit dem Makel der Frivolität, den goldenen Schnitt zu verleugnen. Der Palast des Dogen raubt dem Besucher den Atem, seine Fenster verstoßen gegen das Ideal abendländischer Architektur. Sie liegen unterschiedlich hoch und widersprechen der Kunst der Antike und der Renaissance gleichermaßen. Die Geschichte dieser Königin unter den bedeutendsten Städten bewegte einstmals die Welt, ihr Atem ist heute noch zu spüren. Der Papst schickte die venezianischen Truppen nach Konstantinopel, der christlichen Stadt. Sie raubten die Schätze und plünderten die Stadt. Vier Pferde in Bronze, vergoldet, zeugen davon. Über dem Portal der Markuskirche fanden sie ihren Platz. Wofür ein Zeugnis? Hinter den Kulissen der reichen Paläste scheint Venedig ein Elendsviertel von bewegender Schönheit. Der Palast des Dogen, das Hauptquartier einer tyrannischen Oligarchie, die das Volk mit der Zuchtrute regierte. Einige wenige Familien nur gehörten zu den Ehrenwerten, die die Gesetze erließen, fürchtend jegliche Konkurrenz. In ihren Kreis aufgenommen zu werden, war fast unmöglich. Der Doge, der Vorsitzende dieser Phalanx, der allmächtige Mann, nicht er herrschte, die Kaufleute waren es, die die Macht in ihren habgierigen Händen hielten. Je weniger Macht er hatte, desto mehr wurde er vom Volke verehrt, aber in seinem Namen wurde gehandelt und gerichtet. Seine Elitetruppen raubten das Eigentum anderer, über die Seufzerbrücke trat der politisch Verurteilte den schweren Gang an zu den berüchtigten Bleikammern, um Venedig niemals wiederzusehen. Der Kaufmann, der Bäcker, die Schlachter leisteten Sklavendienste zum Ruhm der herrlichen Stadt - oder um den Reichtum der ehrenwerten Familien zu mehren?
Das Volk lehnte sich auf, es revoltierte. Denunziationsbriefkästen gaben den zitternden Mächtigen die Möglichkeit, Aufrührer und Unliebsame ohne Verhandlung zu richten. Die politische Größe schwand dahin in dem Maße, in dem der den Reichtum bringende Gewürzhandel versiegte. Die Macht schmolz, ungläubig fiel das Regime ins Extrem. Träume vergingen, die schwere Hand der Diktatur lastete auf der Stadt.
Nur einmal im Jahr durfte der Venezianer sein, wie er war, sein, was er wollte. Ein Ventil, eingekesselt in wenige Tage nur. Das große Spektakel begann, ein Abglanz des Lebens. Eine Vorstellung ohne Rechnung. Die Maske verbirgt den Ketzer, eine Wahrheit am Ende des Traums. Korrupte Staatsbeamte mischten sich unter das Volk. Auch sie hinter den Masken. Ihre Flügel haben Augen, die blicken in alle Winkel, hören mit scharfen Ohren, den Unwillen zu berichten, das Schwert über den Menschen schärfer zu schleifen. Das unschuldig hineingeworfene Kind, in diese Welt, die die Unschuld verlor. Der Zug der Komödianten, sie konnten drei Tage lang sein, wer sie sind. Am Ende der Tod mit versöhnlicher Geste. Aus seinen Händen steigen die Rosen der Liebe in einen Himmel, der sich für kurze Zeit öffnete in Freiheit. Nur die echte Liebe verbirgt nicht das Gesicht.
„Carnevale di Venezia", das Bildnis dieser Tragikomödie umfängt das umfassende Leben damals wie heute. Der Bogen umspannt die vergangene Zeit wie die jetzige, die Zeit, in der wir leben. Tiefe Einsichten in den Ruhm und die Schändlichkeit menschlicher Existenz waren Anlaß, dies Bild zu malen. Die Suche nach dem verlorenen Menschenbild starrt dem Betrachter ins Gesicht. Der so von Gott geschaffene Mensch in all seiner Nacktheit, der Körper und die Seele nehmen ihm den Atem im Neben- und Miteinander von Schönheit und Grauen. Arlecchino träumt, seine Flöte vergessend, mit seinen Händen. Obrigkeit schreitet trommelnd mit den Flügel-Augen durch den Raum, Harmlosigkeit nur täuschend. Aus dem Dunkel der Nacht hervor tanzt die Liebe, das Paar, die Maske verschmähend, überwindend die Macht und den Haß. Erleuchtung in tiefer Nacht, in dieser Tiefe des Raumes golden leuchtend die Kirche des Markus, Licht ausstreuend über den ganzen Platz. Widerschein auf den Gesichtern: Hoffnung. Hier darf ich sein, wenn auch hinter der Maske.
Dies Bild aus drei Teilen, das man nicht teilen, nicht trennen kann, ohne den Sinn zu verändern, das einzeln sich selbst verkleinert zu einem Torso, ein Bild ohne Kopf oder Füße. Die Nacktheit der Frau mit der Maske des Vogels gehört dazu wie die Guitarre oder das Mädchen mit dem überladenen Teller voller Früchte und Reichtum der Mächtigen. Die aus dem dunklen Violett scheinenden Paläste, die Masken vorweisend, ebenso wie die Zauberkugel oder die verlorenen Masken und das friedliche Symbol der Tauben sind bedeutende Elemente des Dramas Mensch. Nichts auf dem Bild bleibt beim alten, alles muß fließen. Es gibt keine Umkehr, kein Zurück: Geh in der gleichen Richtung weiter, das tiefe Erlebnis des menschlichen Dramas, wie anders ist es möglich als im geraden Weg zu sich selbst. Von hier aus nur kommt man zur Demut.
Carnevale di Venezia ist eine Metapher für die Summe aller Begegnungen und tiefen Einsichten in die Natur des Menschen und das Ergebnis einer über vierzigjährigen intensiven künstlerischen Arbeit. Das Thema, die vielen hineinkomponierten Motive erhalten ihre Bedeutung durch das Maß der Ergriffenheit des Künstlers von ihnen. An der Form zeigt sich die Qualität, sie ist ein Hinweis auf die Stärke dieser Ergriffenheit, dem Künstler bewußt oder nicht. Epilog: Eine Freundin, nahezu erblindet, erarbeitete sich in stundenlanger Mühe mit ihrem Okular das Motiv des Todes, aus dessen Händen die Rosen entschweben. Sie stand vor dem Weg zu einer mit dem Tode ringenden Frau. Sie erzählte der Freundin mit ergriffenen Worten von dem sie so bewegenden Motiv. Stark muß dieser Trost sie berührt haben, denn sie starb in Frieden, mit Hoffnung. Ein schöner Dank für den Maler des Bildes."
Hanno Edelmann 1987
Das Leben eine Maskerade
Malerei und Plastik von Hanno Edelmann in der Galerie BollhagenAn der Hamburger Kunsthochschule am Lerchenfeld studierte in den Jahren nach Kriegsende bei Grimm und Mahlau eine Reihe von Künstlern, die später auf ganz unterschiedliche Weise zu Erfolg gekommen sind: Paul Wunderlich, Horst Janssen, Gisela Röhn, Viktor von Bülow (alias Loriot) und Hanno Edelmann, der als Maler und Bildhauer eher ein zurückgezogenes Leben führt und sich nie nach öffentlicher Anerkennung gedrängt hat. Seine Malerei teilt sich auf sehr persönliche Weise mit in hintergründigen Figurationen und prächtiger Farbigkeit. Eine Ausstellung seiner oft großformatigen Bilder ist wie ein sinnenfreudiges Fest, bei dem das Leben als Maskerade dem Augenblick der Vergänglichkeit anheimgegeben ist.
Die Galerie Bollhagen im Kunstcentrum Alte Molkerei Worpswede hat diesem Außenseiter jetzt die bislang größte Werkübersicht eingerichtet, die noch bis zum 18. Mai zu besichtigen ist. Das Außergewöhnliche daran ist, daß Hanno Edelmann die großen Räume der Galerie mühelos und fast überquellend mit seinen bildmächtigen Phantasien füllt. Eines der Hauptmotive bildet der venezianische Karneval mit seinen bizarren Figuren, wie beispielsweise in einem fast fünf Meter breiten Triptychon dieses Titels. Hinter der Anonymität der Maskeraden verbirgt sich der Selbstbetrug der menschlichen Gesellschaft, die im buntlärmigen Treiben, wie bei Ensor, in einen riesigen Totentanz hineintaumelt. Für den Künstler stellt sich das Leben wie in der Commedia dell' arte als tragisch-komisches Verkleidungsspiel dar, in dem der Harlekin ebenso seinen Platz hat wie der Papst in dem grotesk-ironischen Gemälde „Die Hochzeit des Generals". In Edelmanns Bildern tauchen zuweilen auch die großen Künstler der Vergangenheit auf wie Leonardo, van Gogh und Rembrandt, die den „Tod der Muse" betrauern, oder Picasso, der in Anwesenheit Matisses und anderer Malerfreunde Cezannes Glorienschein übermalt. Die Wiener Schule mit Erich Fuchs, Hundertwasser, Arik Brauer und Hrdlicka hat sich nackt zum Picknick im Freien versammelt. Immer wieder ist in der Ausstellung Joseph Beuys präsent, unter anderem in einer treffenden kleinen Plastik, „Beuys, einen Kreis um sich ziehend".
Die Hommage an den Erfinder des „erweiterten Kunstbegriffs" überrascht bei einem Maler, der sich in seinem Schaffen den Traditionen des Expressionismus, Symbolismus und Surrealismus verbunden zeigt. Edelmann malt mit glühenden Farben wie Chagall, den er in einem Gemälde bewußt zitiert. Er erreicht aber auch zuweilen die enthäutende Morbidität Egon Schieles und die Fragilität des frühen Kokoschka. Nur vereinzelt nehmen seine Werke unmittelbar auf eine aktuelle Situation des heutigen Lebens Bezug wie in dem Bild „Der schwarze Engel", auf dem der Zusammenstoß zwischen einer Gruppe von Demonstranten und der Polizei dargestellt ist Der Engel schwebt drohend über der Szene, die nicht zuletzt dadurch ins Symbolische überhöht wird, indem sich die Demonstration vor der Baustelle des Turmes zu Babel abspielt.
Hanno Edelmann ist ein großer Meister der Farben sowohl in der Ölmalerei wie im Aquarell. Da überrascht es nicht, daß er, wie Chagall, auch Glasfenster für Kirchen geschaffen hat, von denen eines im Entwurf gezeigt werden kann. Daß er daneben als Bildhauer bemerkenswerte Originalität und Fähigkeit besitzt, wie die dreigesichtige Figur „Horst Janssen", „Der Trommler", das Bildnis "Camille Claudel" und andere Stücke bezeugen, weist ihn als echte Mehrfachbegabung aus.
G.H.
Bremer Nachrichten u. Weser Kurier vom 23.4.1988
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